“Weihnachtshauch” – TEIL 3 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN
Die Geschichte "Weihnachtshauch" von Sabine Jacob erscheint exklusiv bei den EMS-VECHTE-NEWS. (Foto: EVN)

“Weihnachtshauch” – TEIL 3 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN

26. Dezember 2016 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

“Weihnachtshauch”
(Teil 3 von 3)
von Sabine Jacob

Es dunkelte bereits, als sie die Vechtebrücke erreichten. Beppo zückte seinen Leatherman und machte sich daran, den dünnen Ginsterbusch, der gerade die Karriereleiter zum Christbaum erklomm, abzusägen. Das kleine Areal rechts neben dem mittleren Pfosten hatte er sich als Wohnzimmer ausgewählt. Er schmückte den Ginster mit Kugeln und Wachskerzen. Es zog hier ein wenig, aber mit etwas Glück hielten die Flammen dem Luftzug stand. Vor dem  Tannenbaum breitete er eine Lage Decken für Lucky aus, für sich selbst zog er einen hölzernen Klappstuhl aus dem Bollerwagen hervor.

Auf einen Gaskocher stellte er einen Topf mit Erbsensuppe aus der Dose, in den er vier Mettwürste legte. Eine davon würde er Lucky geben. Dann zog Beppo ein rot- und ein schwarzgeschliffenes Römerglas sowie eine Flasche Merlot aus den Tiefen des Wagens. Vorsichtig zündete er die Kerzen mit seinem Sturmfeuerzeug an. Sanft verbreiteten sie ihr samtiges Licht.

»Das ist doch was für´s Gemüt, was, Lucky? So schön wie wir haben es die wenigsten.« Während er aß, trank er, nachdem er dem Himmel zugeprostet hatte, mal aus dem einen, dann aus dem anderen Glas, versunken in einer Vergangenheit, die unwiederbringlich der Welt der Schatten angehörte. Das Wasser der Vechte strömte ruhig an ihm vorbei und trug seine Gedanken mit sich. In seinem Kopf ertönten die Stimmen seiner Kollegen. »Deinen ganzen Jahresurlaub in der Adventszeit?« »Du bist nicht erreichbar bis ins neue Jahr?« »Du verreist? Wohin?« Er erinnerte sich, wie konsterniert seine Polizeikollegen reagierten, als er ihnen seinen Entschluss mitteilte, die Adventszeit zu nutzen, um sich mit seinem Hund und Klaras Bollerwagen auf den Weg zu machen, ohne festes Ziel. Aber unter ihre Skepsis mischte sich schnell Bewunderung für seinen Mut. Beim ersten Mal war er in südlicher Richtung aufgebrochen, in  diesem Jahr hatte er sich für den Nordwesten entschieden.

Er nestelte einen gefalteten Brief aus seiner Jackentasche hervor und umschloss ihn eine Weile mit seinen Händen. »Soll ich dir den Brief nochmal vorlesen?«, fragte Beppo Lucky, wobei seine Stimme leise bebte. Behutsam strich er das Papier auf seinem Oberschenkel glatt. Im Licht des Kerzenscheines tanzten die mit schwarzer Tinte geschriebenen Buchstaben und schon das Schriftbild versetzte Beppo einen Stich ins Herz. Zitternd atmete er tief durch, bevor er mit belegter Stimme begann, vorzulesen:

Geliebter Beppo,

es ist sehr schade, dass wir nicht noch ein Stück gemeinsamen Weges vor uns haben. Meiner endet sehr bald, und wenn Du diesen Brief liest, bin ich schon in einer anderen Welt. Es gibt Dinge, für die mir im Alltag die Worte fehlten – (an dieser Stelle schmunzelte Beppo fast, aber der Schmerz überwog)  – und doch möchte ich, dass Du eines weißt: Die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, machte mich unendlich glücklich. Auch die schwere Zeit nach Klaras Unglück standen wir gemeinsam durch.

Für Dich werden sich neue Türen öffnen. Grübele nicht, sondern ergreife die Gelegenheiten beim Schopf! Verschwende keine Zeit mit Fragen nach dem Warum oder was ich davon gehalten hätte, denn meine Antwort auf alles ist: Höre auf Dein Herz!

Wo immer ich jetzt bin, meine Liebe erreicht Dich und wünscht Dir Fülle und Glück auf Deinem Weg. Sicherlich werden wir uns vermissen. Aber wer weiß, vielleicht führen uns unsere Wege in unbestimmter Zeit wieder zusammen.

Meine Liebe begleitet Dich
Deine Lydia

Beppos Stimme verebbte. Er blickte die Vechte hinauf und dann auf Lucky. »Wir zwei gehören zu den glücklichsten Wesen auf Erden, oder? Zeit für ein bisschen Musik.« Er kramte eine Mundharmonika aus der Hosentasche. Mit den Ellenbogen auf den Knien blies er ein paar Töne, bevor sie sich zur Melodie der »Stillen Nacht, heiligen Nacht« vereinten, die der Windhauch über das Land trug. Die Adventswochen zählten zu den Schönsten seines Lebens. Er folgte Lydias Rat und seinem Herzen.

ENDE