“Weihnachtshauch” – TEIL 2 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN
Die Geschichte "Weihnachtshauch" von Sabine Jacob erscheint exklusiv bei den EMS-VECHTE-NEWS. (Foto: EVN)

“Weihnachtshauch” – TEIL 2 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN

25. Dezember 2016 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

“Weihnachtshauch”
(Teil 2 von 3)
von Sabine Jacob

Zwischen den Kraftfahrzeugen auf den Parkplätzen der Marktketten bugsierten Menschen ihre Einkaufswagen hindurch, einige mit verkniffenen Gesichtern, andere in froher Erwartung der Feiertage. Jeder von ihnen bemühte sich, weder jemanden umzufahren noch einen Kratzer an einem der Autos zu hinterlassen.

Beppo wies Lucky an, vor der Ladentür des KIK zu warten. Bereitwillig legte Lucky sich hin. Sein Schweif wischte rhythmisch zu den Klängen von »Jingle Bells« über das Pflaster, das aus einem Opel Vectra mit geöffneten Scheiben über den Parkplatz dröhnte. Der Besitzer des Wagens hatte den Arm aus dem Fenster gehängt und klopfte mit der Handfläche den Takt auf die Fahrertür. »Frohe Weihnachten und stille Nacht!«, brüllte er allen Vorbeihastenden breit grinsend zu, die sich, leicht pikiert, rasch von ihm abwandten. Beppo hätte gern gewusst, wie es um die Fahrtüchtigkeit des rotgesichtigen Hobbyverkünders stand.

Direkt gegenüber der Kasse fand Beppo das Gesuchte. Eine durchsichtige Plastikbox enthielt rote und goldene Kugeln. Die Schlange vor der Kasse war lang. Ein Sprachgemisch aus niederländisch, deutsch und fremden Artikulationen drangen an sein Ohr, als er sich den Gang entlang bewegte, auf das Ende der Schlange zu. Er sah sich im Laden um. Frauen mit Kopftüchern umrundeten die Gestelle mit Kinderhosen. Zwei Frauen, vermutlich beste XXL-Freundinnen, zeigten sich gegenseitig Pullover mit Lurex- und Paillettenapplikationen. Beppos Blick schweifte über das Warenangebot und heftete sich an die Gestalt einer Frau. Schlank, mit einer exakt geschnittenen Kurzhaarfrisur, schlenderte sie an den Auslagen entlang. Hin und wieder zupfte sie an ihrem Schlaufentuch, das ihr Outfit farblich abrundete. Ihre manikürten Finger glitten scheinbar spielerisch über die Gegenstände. Beppo bemerkte ihre offene Handtasche, in der er eine Geldbörse sowie Papiertaschentücher erkannte. Diese Sorglosigkeit stand im Widerspruch zu ihrer makellosen Aufmachung. Hastig wandte Beppo den Blick ab, als die Frau sich verstohlen umschaute. Aus den Augenwinkeln bemerkte er allerdings, dass sie jetzt ihre Handtasche mit dem Ellenbogen geschlossen hielt. »Bingo!«, dachte er.

Am Ausgang begrüßte ihn Lucky so stürmisch wie einen für tot erklärten Kriegsheimkehrer. Doch anders, als Lucky erwartete, bedeutete Beppo ihm, noch zu warten.

Nach drei Minuten strebte die Frau dem Ausgang entgegen, ihre Handtasche mit der einen Hand an sich gedrückt, an der anderen Hand baumelte eine rot-weiße Plastiktüte.

»Entschuldigen Sie«, sagte Beppo und trat ihr in den Weg, woraufhin sie merklich zusammenzuckte.

»Ja?«, entgegnete sie und Beppo bemerkte das kurze Aufflackern in ihren Augen.

»Ich vermute, dass das in der adretten Plastiktüte nicht alles ist, was Sie zu bezahlen haben.«

»Ich verstehe nicht?« Ihr Blick zeigten ihm, dass sie ihm sehr gut folgen konnte.

»Ich schlage vor, Sie gehen noch einmal in den Laden und bezahlen auch das, was sich in Ihrer Handtasche befindet.«

Im Bruchteil einer Sekunde entschied sie sich zu einer anderen Strategie. Sie wurde wütend. »Was fällt Ihnen ein? Wie können Sie es wagen, so etwas zu behaupten?«

Lucky erhob sich knurrend mit gesträubtem Fell.

»Rufen Sie augenblicklich Ihren Hund zurück!«, zischte sie. Ihre gespielte Empörung vermochte ihre Unsicherheit nicht zu überdecken.

»Hören Sie«, sagte Beppo, »weder Sie noch ich möchten hier einen Aufstand anzetteln. Ich schlage vor, Sie bezahlen, was an Ihren klebrigen Fingern haften geblieben und in Ihre Handtasche gewandert ist. Damit wäre die Sache erledigt.«

»Und sonst? Was?«, fragte die Frau giftig, wobei ihr entging, dass diese Reaktion einem Schuldeingeständnis gleichkam.

»Oder ich rufe die Kollegen an.«

»Andere unrasierte Männer mit ausgetretenen Wanderschuhen? Wo wollen Sie denn anrufen? Im Kolpinghaus?«

Hatte Beppo anfangs so etwas wie mit Mitleid gemischter Sympathie für diese Frau verspürt, zerstörte ihre letzte Bemerkung das verbliebene Quäntchen  Empathie. Er zückte sein Portemonnaie und hielt ihr seine Polizeimarke vor das Gesicht. Überrascht zuckten die Augenbrauen der Frau hoch. Ohne ein Wort drehte sie sich um und betrat erneut den Laden. Beppo sah, wie sie ein Dreierpack Schraubenzieher, ein Knäuel blaumelierter Wolle sowie einen Teigschaber zwischen einem Berg Herrenunterhemden verschwinden ließ. Als er ihren giftigen Blick auffing, lächelte er ironisch und deutete ein Verbeugung an. »Na, komm, Lucky, dann wollen wir mal Weihnachten einläuten, was?«

Lesen Sie morgen den letzten Teil von “Weihnachtshauch” – Exklusiv bei den EMS-VECHTE-NEWS!