“Weihnachtshauch” – TEIL 1 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN
Die Geschichte "Weihnachtshauch" von Sabine Jacob erscheint exklusiv bei den EMS-VECHTE-NEWS. (Foto: EVN)

“Weihnachtshauch” – TEIL 1 – Die exklusive Weihnachtsgeschichte von Sabine Jacob bei den EVN

24. Dezember 2016 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

“Weihnachtshauch”
(Teil 1 von 3)
von Sabine Jacob

Als Beppo die Vechtebrücke passierte, las er auf dem Schild »Emlichheim« und darunter »Emmelkamp«. »Die sprechen hier noch platt, Lucky«, sagte er zu dem struppigen Hund, dessen Kopf ihm bis an die Hüfte reichte. Lucky humpelte leicht, ein Überbleibsel seiner frontalen Begegnung mit einem grünen Ford, der ihn an den Straßenrand geschleudert hatte. Rasch hatte sich der Fahrer mit einem Blick in den Rückspiegel versichert, dass ihn niemand gesehen hatte, um dann mit Vollgas davonzubrausen, übersah allerdings Beppo, der das schwer verletzte und blutende Tier unverzüglich zum Tierarzt brachte. Der pfiff durch die Zähne, als er den Hund sah, krempelte die Ärmel hoch und begann sein Flickwerk. Er war ein Meister auf seinem Gebiet, denn bis auf die schief zusammengewachsene Hüfte hatte der Hund keine weiteren dauerhaften Blessuren davongetragen. Deshalb nannte ihn Beppo »Lucky«, und seitdem wich Lucky keinen Zentimeter von seiner Seite.

Direkt hinter der Brücke bogen sie in eine kleine, gewundene Asphaltstraße ein. »Lass uns einen Blick unter die Brücke wagen. Vielleicht können wir dort den Heiligen Abend feiern.«

Das dank der milden Witterung noch grüne Gras war gesprenkelt mit braunem Eichenlaub. Ein Teil des Vechteufers war abgesenkt, vermutlich diente er im Sommer als Bootsanleger. Ein idealer Platz zum Wasserschöpfen und für die morgendliche Wäsche. Beppo wies auf einen dünnen Ginsterbusch: »Das wird unser Tannenbaum, Lucky. Mit ein paar Kugeln und Kerzen wird er strahlen wie die Sonne an ihrem Geburtstag.«

Die Betonbrücke ruhte auf Pfeilern, die rechts und links das Flussbett flankierten. Beppo konnte unter der Brücke gerade aufrecht stehen, ohne sich den Kopf zu stoßen. An den Betonpfosten prangten Kunstwerke von Graffitiysprayern, deren Kreativität sich in Schriftzügen wie »Fuck Cops«, »Nazis raus« oder »Allahu Akbar« erschöpften. Auf dem Betonträger links der Vechte zeigten sich die fortgeschrittenen Englischkenntnisse des »Fuck Cops«-Künstlers zum »Fuck the police«-Genie. Einige offensichtlich hastig, ohne viel Mühe hingesprayte Zeichnungen zeigten die Skizzen männlicher Genitalien, und Beppo fragte sich, wie alt der Erschaffer wohl gewesen sein mochte. Acht Jahre? Oder zwölf? Er bezweifelte, dass sich hinter diesen Schmierereien unentdecktes Künstlerpotential verbarg.

Vor dem Pfeiler lagen braune und grüne Scherben zerschmetterter Bierflaschen. »Die feg’ ich gleich mit ein paar Zweigen weg, damit du nicht hineintrittst, Lucky. Aber insgesamt ist es hier nett«, resümierte Beppo. »Trocken, und schau mal, direkt unter unserer neuen Zimmerdecke ist sogar eine Aussparung, ein perfekter Kleiderschrank, größer als in den schicksten Hotels.«

Beppo holte den Bollerwagen, den er oben an der Straße stehen lassen hatte. Aus einer blauen Ikea-Tüte zog er ein weißes T-Shirt und einen dunkelblauen Strickpullover. »Wollen uns mal ausgehfein machen, was? Du wirst gleich nochmal gebürstet, bevor wir uns »Emmelkamp« aus der Nähe anschauen.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Schon nach drei. Am Heiligabend haben die Geschäfte hoffentlich auch hier bis um vier auf.«

Beppo bürstete das goldglänzende Fell des Hundes. Als er sich aus der Hocke erhob, drückte sich der Hund dankbar an ihn. Seine Augen glänzten fröhlich unter seinen buschigen, beweglichen Augenbrauenwülsten. »Schon gut, Junge, war mir ein Vergnügen. Jetzt aber los!«

Nachdem sie eine Bäckerei, ein Fitnessstudio, einige Bekleidungsgeschäfte sowie weitere Gebäude passiert hatten, standen sie an einer Ampelkreuzung. Beppo schaute auf Lucky. »Welche Richtung nehmen wir? Geradeaus?« Luckys Zunge hing seitlich aus seiner Schnauze. »Okay, dann in Richtung Ölpumpe. Am Kreisverkehr überlegen wir neu.«

Doch wie sich herausstellte, erübrigten sich weitere Überlegungen. Schon von weitem erkannte Beppo die Schriftzüge von KIK und Lidl. Er brummte: »Ist doch überall das gleiche Bild auf den Dörfern. Leerstehende Geschäftsräume und Discounter. Aber auf jeden Fall bekommen wir hier Kerzen und Christbaumkugeln.«

Lesen Sie morgen den zweiten Teil von “Weihnachtshauch” – Exklusiv bei den EMS-VECHTE-NEWS!