+++ Umsiedlung an die Vechte: Brögberner Biber sitzt auf dem Trockenen +++
Die Tür geöffnet, strebte der Biber sofort dem Wasser zu. (Foto: Schüring)

+++ Umsiedlung an die Vechte: Brögberner Biber sitzt auf dem Trockenen +++

9. August 2018 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Hitze und Trockenheit trieben Tier in Privatgarten

Von Andreas Schüring. Brögbern/Nordhorn. Auch wenn die Meteorologen eine Änderung der Großwetterlage prognostizieren, liegt Deutschland weiterhin im Einflussbereich einer regenarmen Hochdruckzone. Schon lange geht auch bei uns durch Verdunstung wesentlich mehr Wasser verloren als hinzukommt. Sind die Wasserstände an den emsländischen Flüssen und Kanälen noch gut, sind bereits viele Grabensysteme trocken gefallen und die Wasserstände von Teichanlagen erheblich gesunken. Dies macht nun auch den Emslandbibern zu schaffen, wie Familie Czmiel aus dem Südkreis zu spüren bekam. Sie staunten nicht schlecht, als sie Europas größten Nager in ihrer Gartenanlage entdeckten. So schwer wie ein Golden Retriever, war der Anblick ein eindrückliches Erlebnis.

So hatte sich der Nager am ehesten wegen fehlendem Wasser unter dem Bauch aus den etwa 3 Kilometer entfernten Brögberner Teichen aufgemacht. Die dortigen Grabensysteme liegen größtenteils bereits völlig trocken und die Wasserstände in den Teichen gleichen vielerorts nur noch Pfützen. Da war guter Rat teuer. Fernmündlich informiert, reagierte die Untere Naturschutzbehörde Lingen schnell. Mitarbeiter des Bauhofs brachten das verängstigte Tier zur Tierauffangstation des Tierparks Nordhorn, gut so, wie sich später herausstellen sollte. Der Biber war selbst für die wildtiererfahrene Zootierärztin Dr. Heike Weber ein Novum. Vom äußeren Aspekt her zeigte sich ihr ein unverletztes wohlgenährtes Alttier.

Der Biber hatte Glück, der Weg über Land ist gefährlich. Schnell kommt es hier zu Kollisionen mit Fahrzeugen. Und so verbrachte er seine erste Nacht in der Nachbarschaft von Nasenbär und Co.. Die angebotenen Äpfel und Weidenzweige verschmähte er nicht. Seine unglaublich kräftigen Zähne hinterließen deutliche Spuren am Sichtschutz seiner Unterkunft.

Biber haben eine starke Affinität zu ihrem Revier und können auf Wanderungen durch Revierstreitereien mit anderen Bibern schwere Verletzungen davontragen, an denen sie nicht selten versterben. So sollten Biber immer in ihre Stammreviere zurückgebracht werden. Da das im Internetportal „Die Emslandbiber“ (www.emslandbiber.de) ausgewiesene nächstgelegene Biberrevier nach Besichtigung weitestgehend trocken gefallen war, musste die verantwortliche Tierärztin in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde der Grafschaft Bentheim notgedrungen auf einen von Bibern noch unbesiedelten naturnahen Vechteabschnitt ausweichen. Der Biber schien das nahe Wasser zu riechen. Als der Transportkäfig geöffnet wurde strebte der riesige Nager schnurstracks dem Ufer zu, um wie schwerelos im kühlen Nass abzutauchen.

Vor nunmehr fast 40 Jahren fanden im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Osnabrück acht Elbebiber nach 150 Jahren Abwesenheit ihre neue Heimat an der Hase nahe Haselünne. Der Initiator, Prof. R. Schröpfer, konnte schon nach wenigen Jahren den Erfolg des Projektes bestätigen. Die Gründerpopulation aus 8 Tieren vermehrte sich bis heute auf etwa 175 Tiere in rund 60 Revieren.

Bereits 2011 war ein Emslandbiber bei Lahn viele Kilometer vom Wasser entfernt aufgefunden worden. Der aktuelle Landgang zeigt erneut, dass Biber ohne Probleme weite Strecken über Land zurücklegen können, um neue Gebiete zu besiedeln. Die Grafschaft Bentheim gilt daher auch als Bibererwartungs- und Durchzugsland. Ein erster, leider tot aufgefundener Biber wurde bereits Anfang 2017 an einer Straße in Vechtenähe entdeckt. Er steht nun als ausgestopftes Präparat zu pädagogischen Lehrzwecken in der Zooschule des Tierparks Nordhorn. Es ist somit davon auszugehen, dass auch an anderen Stellen in der Grafschaft bereits Biber auf dem Vormarsch sind. Der „Neue“ aus dem Emsland wird also nicht allein auf weiter Flur sein.

Steckbrief Biber

Der Biber ist Europas größtes Nagetier. Er kann bis 30 kg schwer und 130 cm lang werden und gehört zur Familie der Hörnchen. Die Weibchen werden meist im Alter von 2,5 Jahren geschlechtsreif, die Männchen etwas früher. Der Zugang zu ihren Bauten liegt unter der Wasserlinie. Der Wohnkessel ist regelhaft nicht weiter als 5 Meter vom Ufer entfernt, geschützt unter der Wurzel eines Baumes. An Gewässern mit fehlender Uferböschung oder Hochwassergefahr werden Burgen errichtet, diese mit Belüftungsschächten und Fluchtröhren. Nach einer Tragzeit von 105 Tagen kommen in der Regel 2-3 Jungtiere zur Welt, sehend und bereits vollständig behaart. Sie können allerdings nicht schwimmen, da ihre Fettdrüsen erst im Alter von 4-5 Wochen voll entwickelt sind. Schon ab der dritten Woche nehmen sie neben der Muttermilch auch feste Nahrung zu sich.

Die Jungtiere verlassen erst im Alter von zwei Jahren die Familie. Die lange Sozialisierung im Familienverband ist notwendig, um das überlebenswichtige, komplexe Verhaltensrepertoire ihrer Eltern zu lernen. Biber sind die einzigen Tiere weltweit, die sich ihren Lebensraum durch den Bau von Dämmen selbst gestalten.

Sie halten keine Winterruhe und legen für die kalte Jahreszeit große Nahrungsflöße an. Sie sind absolute Vegetarier und benötigen im Winter bis 1 kg Rinde pro Tag, in den Sommermonaten stehen über 150 Kräuter auf ihrem Speisezettel. Ihr Durchschnittsalter wird mit 8 Jahren angegeben. Krankheiten, Bissverletzungen, Verkehrsunfälle und Überschwemmungen sind die Haupttodesursachen.