Neue Brüterei in Nordhorn: Marketing-Bluff oder nötige Informationen?
Etwa eine Milliarde Hühner-Küken werden im Jahr in Deutschland ausgebrütet. Bei den Masthähnchen – und das ist ein Anteil von über 90 Prozent – gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern und damit auch kein Sexen, erst recht kein Schreddern. (Quelle: Hermann Gerdes)

Neue Brüterei in Nordhorn: Marketing-Bluff oder nötige Informationen?

20. April 2016 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Brüterei für Broiler-Küken, „die nicht vorzeitig getötet werden“ – Eine Selbstverständlichkeit?

Von Hermann Gerdes. Nordhorn. Der Verkauf des Grundstückes der Stadt Nordhorn in der A 31-Nähe in Klausheide für eine Hähnchen-Brüterei, das deutsch-niederländische Unternehmen oder das neue für eine Verbesserung des Tierwohls sorgende Konzept sorgten in der Grafschaft und in der Geflügelszene kaum für Aufsehen, aber die Begründung verwirrte die Fachleute, die seither vom „größten Marketing-Bluff der letzten Jahre“ reden.

Etwa eine Milliarde Hühner-Küken werden im Jahr in Deutschland ausgebrütet. Bei den Masthähnchen – und das ist ein Anteil von über 90 Prozent – gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern und damit auch kein Sexen, erst recht kein Schreddern. (Quelle: Hermann Gerdes)

Etwa eine Milliarde Hühner-Küken werden im Jahr in Deutschland ausgebrütet. Bei den Masthähnchen – und das ist ein Anteil von über 90 Prozent – gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern und damit auch kein Sexen, erst recht kein Schreddern.
(Quelle: Hermann Gerdes)

Schon vor der entscheidenden Ratssitzung verbreitete die Stadtverwaltung die Aussage, dass bei der „speziell gezüchteten Rasse“ sowohl die „Männchen als auch die Weibchen für die Fleischproduktion geeignet“ seien. Und dann wörtlich: „Somit muss keines der Tiere vorzeitig getötet werden“. Und in der Vorlage für den Rat wird vom Vorteil berichtet, dass bei der neuen Anlage sowohl männliche als auch weibliche Küken an die Mästereien ausgeliefert werden. Es gebe kein Sexen. Dieser Umstand solle gar in den Kaufvertrag und in den Bauantrag aufgenommen werden.

Im Gegensatz zu den Küken für Legehennen ist das aber bei der Kükenproduktion für die Mast nie der Fall. Sicherlich wird in wenigen Brütereien gesext – die Geschlechter werden getrennt -, aber nur zum Zwecke der Schwermast. Aber getötet – in Niedersachsen nie durch Schreddern – wird in keiner Brüterei für Küken, die zur Mast dienen. Eine pure Selbstverständlichkeit wird also als Vorteil verkauft. Die Stadt Nordhorn will diese Thesen vertreten haben, um Missverständnissen vorzubeugen. Selbst in städtischen Gremien, die mehrfach die Thematik beraten hätten, sei des öfteren auf das Töten und dann sogar auf in Niedersachsen längst nicht mehr erlaubte Schreddern der Küken hingewiesen worden. Zudem sei in den Medien der Eindruck erweckt worden, in allen Brütereien würden die männlichen Küken getötet.

Die Stadt Nordhorn hat der OptiBrut GmbH für 364.000 Euro ein 2,6 Hektar großes Grundstück verkauft. Dort soll mit einem Investitionsvolumen von 15 Mio. Euro eine neue Brüterei mit einer Kapazität von jährlich bis zu 80 Mio. Broiler-Küken gebaut werden. Die OptiBrut GmbH wird noch von Emlichheim – dort scheiterte das Vorhaben wegen der für die Biosicherheit nicht optimalen Nachbarschaft – nach Nordhorn umgesiedelt. Hans Groot Koerkamp, Direktor bei Agromix und auch bei EW-Group engagiert, und Klaas Knol sind die Geschäftsführer. Knol war Verkaufsleiter bei Agrifirm in Apeldoorn, einer auch in der Region aktives Futtermittelunternehmen mit 15.000 niederländischen Teilhabern, 2,4 Mrd. Euro Umsatz und 3.100 Mitarbeitern. Agrifirm ist einer der Anteileigner bei Plukon mit Sitz in Wezep (NL), einer der größten Geflügelproduzenten in Europa. Seit 2012 gehört Stolle (Visbek) zum Konzern. Die EW-Group (Erich Wesjohann, Visbek) hat sich dort – wohl auf Zeit – auch beteiligt.

Dann wird die „fortschrittliche Anlage“ belobt. Die Mastküken erhielten bei der „ausgereiften Technik“ direkt nach dem Schlupf bei „idealen Temperaturen“ ständigen Zugang zu Futter und Wasser. Das führe zu „gesünderen und stärkeren Küken“ – und damit natürlich zu einer geringeren Sterblichkeit und reduziertem Bedarf an Antibiotika. Dieter Oltmann, Geschäftsführer des Niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes, hält das für unsinnig, denn der sogenannte Dottersack reiche den Küken für mindestens 48 Stunden aus. “Wegen der Nähe der Brütereien zu den Mästern sind die Küken innerhalb weniger Stunden bei den Mastbetrieben“. Fachleute aus der Geflügelszene halten die neue Bruttechnik nicht für ausgereift, um solche Aussagen machen zu können. Jedenfalls könnten bei der vorgesehenen Brutanlage derzeitig solche Entwicklungen nicht zugesagt werden. Das Wort vom „großen Marketing-Bluff“ macht bei den Hähnchenmästern die Runde.

Zumindest kritisch ist auch das in den Nordhornern Sitzungen gelobte „5 mal D“-Hähnchen zu sehen. Großelternbetriebe, die Aufzucht, die Elternbetriebe, die Brüterei und die Futterproduktion seien in Deutschland – also 5 mal D, so lobt die Stadt Nordhorn. Aber die Aufzucht ist die Mast – und die wird auch in den Niederlanden erfolgen. Zudem liefern die Mäster auch nach Holland, wo die Hähnchen dann geschlachtet und zerlegt werden. “5 mal D“ ist also eher eine Täuschung. „Und in der Geflügelbranche heißt 5 mal D Elterntiere, Brüterei, Futter, Mast/Aufzucht und Schlachtung in Deutschland“, erläutert Oltmann.

Ob OptiBrut genügend Mäster – angedacht sind Westdeutschland sowie je ein Viertel für Ostdeutschland und die Niederlande – findet, entscheidet der Markt. In den Niederlanden werden im Jahr mit 470 Mio. fast so viele Mastküken erzeugt wie in Deutschland (630 Mio.). Erst Verträge mit Mästern seien abgeschlossen. Auf jeden Fall müssten für diese Brüterei, wenn andere keine Marktanteile verlieren, 250 Mastställe errichtet werden; dazu kommen die Ställe für die Elterntierhaltung, die in Deutschland liegen sollen. Im Emsland mit jetzt schon mehr 300 Mio. gemästeten Hähnchen im Jahr wird es keine Baugenehmigungen mehr geben. Ähnliches gilt auch für die Grafschaft und das Oldenburger Münsterland.

Schon vor Jahren hatte der in der Ernährungsindustrie anerkannte Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst vor der „Hähnchenblase“ gewarnt. Damals hatte das Unternehmen Rothkötter, inzwischen Nr. 2 in der Hähnchen-Branche, gerade in Dohren (Emsland) eine Brüterei gebaut, die täglich 700.000 Küken erzeugt. Noch deutlich größer ist die Kapazität in Rechterfeld bei der BWE-Brüterei (Wesjohann-Gruppe), die der damalige Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) 2007 einweihte. Der Selbstversorgungsgrad im Geflügelfleischbereich ist in Deutschland mittlerweile von einst 70 auf  über 110 Prozent gestiegen. Mit den trotz des Russland-Embargos großen Export-Erfolgen einher gehen etwas geringere Margen für die Mäster, natürlich ein Kostendruck, aber auch knappe Kalkulationen auf allen Ebenen. Die Folge: für den Verbraucher gab es beim Geflügelfleisch in den letzten Jahren selten Preiserhöhungen.