Kommentar: Die Spirale des Terrors
Terror in Paris - Wo liegen die Ursachen? (Symbolbild, Quelle: pixabay.com)

Kommentar: Die Spirale des Terrors

18. November 2015 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Die Anschläge von Paris halten Europa und wie Welt in Atem – Wie Terror nur wieder Terror schafft

Von Dominique Ehrler. Zweifelsohne wird der 13.11.2015 in die Geschichte eingehen als ein Tag der Trauer, als ein Tag der Fassungslosigkeit, als ein Tag der Entrüstung, als ein Tag, an dem wir alle wie versteienert vor den Fernsehgeräten hingen und unseren Augen kaum glauben wollten; dieser Tag wird eingehen, als „DER Tag des Terrors.“

Mein ganzes und aufrichtiges Mitgefühl gilt den betroffenen Familien. Wie furchtbar es ist, ein geliebtes Familienmitglied auf eine derartig feige Weise verlieren zu müssen, vermag ich mir kaum vorzustellen. Tausende von Menschen bekunden nun ihr Mitgefühl durch die Solidarität zu Frankreich. Wir schreien auf: Nun sind wir alle Franzosen. Doch vor allem sind wir alle Menschen – Menschen die sich einen Planeten in Frieden teilen oder im Krieg zerstören.

Terror in Paris - Wo liegen die Ursachen? (Symbolbild, Quelle: pixabay.com)

Terror in Paris – Wo liegen die Ursachen?
(Symbolbild, Quelle: pixabay.com)

Nach 9/11 (Nine-Eleven) folgt nun also 11/13 (Eleven-Thirteen) und wieder lässt dieses Datum einen griffigen Titel zu, mit dem wir uns schnell und immer wieder an diese furchtbaren Gräueltaten erinnern werden, aber dies ist längst nicht die einzige Parallele zu den Terroranschlaegen von  vor 14 Jahren. Tage- und Wochenlang  können wir im TV die Terroranschläge in jeder kleinsten Einzelheit immer und immer wieder sehen. Es ist schon äusserst schwierig, zu versuchen, nichts mehr davon zu erfahren. Wieder gibt es ein schnelles Bekenntnis: 2001 war es Al-Qaida unter der Führung von Osama Bin Laden, 2015 ist es der IS. Beide Terrororganisationen wurden überhaupt erst durch den Westen mit Waffen versorgt. Warum liefert der Westen denn immer wieder Waffen an diese Terrorbanden? Nicht zuletzt die Sprengstoffgürtel der Attentäter kommen von westlichen Unternehmen. Moderne Waffen werden ohnehin nicht im Nahen Osten hergestellt. Schon einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris bombardieren westliche Kampfjets IS-Stellungen in Syrien, oder ist es doch eher so, dass die westlichen Angriffe auf Syrien nur fortgesetzt werden? Nach 9/11 hatte der Westen Afghanistan, einem vermeintlichem Verbündeten Al-Qaidas, den Krieg erklärt. Als man dort fertig war, ohne Bin Laden zu fassen, hatte die CIA Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak.  Die Truppen waren ohnehin dort unten, also hat man den Irak kurzerhand mit Krieg begrüsst, natürlich im Namen für die Freiheit und gegen den Terror. Blöderweise hat man dann anschließend überhaupt keine Massenvernichtungswaffen gefunden, der Krieg war also völlig unberechtigt geführt worden, aber zum Glück interessiert dies heutzutage kaum noch jemanden. Höchstens den Betroffenen im Nahen Osten, die dort Familienmitglieder verloren haben. Aber das ist ja weit weg von unserem schönen Westen und darüber wird glücklicherweise auch kaum im TV berichtet. Weggucken leicht gemacht. Eine schöne freie Welt – leider scheint es mir nur ein Exklusivclub zu sein: freie muslimische Länder unerwünscht.

Und nun Syrien. Dieses Syrien, das seit Jahren im Chaos versinkt. Bereits 2012 warnten humanitäre Organisationen vor den schlimmen Kriegszuständen, berichteten vom Leid der Menschen und forderten mehr Unterstützung für die Kriegsflüchtlinge. Doch der Westen blieb weitgehend stumm und vor allem tatenlos bis zum Jahre 2015, als die Flüchtlingswellen plötzlich und völlig „un-“erwartet vor den EU-Aussengrenzen standen. Unter Obamas Weltführung wurden die Terroristen bisher mit Drohnen gejagd, ganz bequem aus der Ferne wurden so bereits über 3.000 Menschen im Nahen Osten getötet. Laut der Menschenrechtsorganisation „Reprieve“ kommen so durchschnittlich 28 tote und völlig unschuldige Zivilisten auf einen getöteten Terroristen. Auch dies ist Terror. Terror, der die islamische Welt im Nahen Osten erfasst. Und so gibt es auch dort unzählige Familien, die Verluste zu beklagen haben. Für sie gibt es nur wenig Solidarität. Wenn Sie sich fragen, warum nun Millionen von Syrern, Afghanen, Irakern und anderen Muslimen in den Westen fliehen, dann stellen sie sich vor, wie es in einem Land aussieht, an dem es jeden einzelnen Tag im Jahr Terroranschläge wie in Paris gibt. Und einige von den Hinterbliebenen können so leicht radikalisiert werden. Stellen Sie sich vor, sie leben in einer zerbombten Stadt und soeben haben sie ihre Mutter, ihre Ehefrau und ihre beiden Kinder beerdigt. Allesamt wurden von westlichen Bomben getötet. Sie sind verzweifelt und wütend – ein sehr leichtes Opfer, um radikalisiert zu werden. Damit hat der Glaube überhaupt nichts zu tun. Vielmehr ist es der Verlust des Glaubens, der sie in solchen radikalen Situationen verfolgt.

Nun fliegen wir also wieder westliche Angriffe auf den Nahen Osten. Erneut wird es unzählige  zivile Opfer geben. Erneut wird es viele Menschen mit schmerzlichen Verlusten geben. Einige von ihnen werden sich sodann wieder aufmachen in den Westen und Anschläge verüben. Wieder wird es die unschuldige westliche Zivilbevölkerung treffen. Dann werden wir wieder zur alten Weisheit greifen: Es ist Krieg und wir müssen den Terror bekämpfen! Als könnte man Terror bekämpfen – kämpft man gegen den Terror, so erschafft man nur wieder neuen Terror, beseitigen wird man ihn so allerdings niemals. Es ist eine verfluchte Spirale, die niemals enden wird und von der auch ihre Kinder noch etwas haben werden, wenn wir diesem riesigen Unfug nicht endlich ein Ende bereiten. Stellen Sie sich doch selbst einmal die Frage, wie man sich am besten an einem Selbstmordattentäter rächt.

Um diesen leidlichen Konflikt wirklich beenden zu können, müssen wir überhaupt erst einmal verstehen, wie er entstehen konnte. Hierfür muss man sehr weit in der Geschichte zurück gehen. Im Grunde fängt diese unendlich traurige und menschenunwürdige Geschichte bereits vor den Weltkriegen an, als der Nahe Osten unter kolonialer Besatzung stand. Doch bereits ein Blick auf das Jahr 1951 zeigt, wie verheerend die westliche Politik in diesen Ländern war und ist. Dr. Michael Lüders, deutscher Politik- und Islamwissenschaftler, hat sich dieser Frage in seinem Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet.“ angenommen. Erschienen ist sein Buch 2015 beim C.H. Beck Verlag. Im SWR wurde sein Buch von ihm selbst vorgestellt, indem er die Problematik in einem einstündigen Vortrag umreisst.