Interview mit Flüchtling Shalaan (18) aus Surwold: „Wer kein Moslem war, wurde getötet“
Shalaan (18) floh 2014 aus dem Irak. (Quelle: Stadt Papenburg)

Interview mit Flüchtling Shalaan (18) aus Surwold: „Wer kein Moslem war, wurde getötet“

21. August 2017 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Junger Iraker floh 2014 aus Sindschar und macht nun eine Ausbildung zum Restaurantfachmann

Surwold. Im August 2014 ist die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in die nordirakische Stadt Sindschar einmarschiert und hat die überwiegend jesidische Bevölkerung vertrieben, gekidnappt oder getötet. Experten schätzen, dass mehr als 5.000 der knapp 40.000 Einwohner der Stadt durch den IS getötet worden sind. Der 18-jährige Shalaan ist in den Augusttagen 2014 mit tausenden anderen Menschen aus der Stadt geflohen. Er ist seit Januar 2016 auf der Johannesburg in Surwold und absolviert mittlerweile eine Ausbildung zum Restaurantfachmann.

Frage: Woher stammst Du und wie war Dein Leben vor der Flucht?

Shalaan: Meine Heimat ist die Stadt Sindschar. Vor unserer Flucht lebte meine Familie dort in einem eigenen Haus. Meine Brüder, ich habe sieben, sind entweder zur Arbeit oder Schule gegangen, genau wie mein Schwester. Ich selbst ging damals auch in Sindschar zur Schule. Wir hatten ein beschauliches, friedliches Leben.

Frage: Wieso bist Du aus dem Irak geflohen?

Shalaan: Es änderte sich alles, als am 3. August der IS in unsere Stadt kam. Von Beginn an haben sie gefragt, ob man Moslem sei oder nicht. Wer kein Moslem war oder nicht sofort konvertierte, wurde getötet. Viele tausend Menschen sind aus Sindschar geflohen in diesen Tagen, ich auch. Die meisten Menschen in der Stadt sind Jesiden, wie ich auch einer bin. Auf unsere Religionsgruppe hatte es der IS besonders abgesehen. Uns blieb gar nichts anderes übrig als zu fliehen, wenn wir nicht getötet werden wollten.

Frage: Wie bist Du aus Sindschar denn rausgekommen?

Shalaan: Kurdische Widerstandskämpfer hatten in der Nähe einen kleinen Korridor freigekämpft, durch den wir nach Norden fliehen konnten, in Richtung der Türkei. Allerdings mussten wir so schnell aufbrechen, dass einer meiner Brüder und meine Schwester uns nicht mehr begleiten konnten. Sie haben dann versucht sich mit vielen anderen Jesiden ins Sindschar-Gebirge durchzuschlagen. Die Strapazen waren aber sehr schlimm. Es war sehr heiß und sie mussten gemeinsam mit vielen Kindern, älteren und kranken Menschen in die Berge fliehen. Sie hatten kein Wasser und kaum zu essen. Meine Schwester war schwanger und hat ihr Baby unterwegs tot geboren. Die Menschen dort haben ein unglaubliches Martyrium durchgemacht. Viele sind auf der Flucht in die Berge oder in den Bergen gestorben.

Frage: Wohin seid ihr geflüchtet?

Shalaan: Wir sind im Flüchtlingslager Dohuk untergekommen. Das liegt knapp 140 Kilometer nordöstlich von Sindschar. Dort waren damals viele, viele Menschen. Ich habe dort mit meiner Familie, wir waren ungefähr 30 Menschen, in einem kleinen Zimmer gelebt. Einige meiner Familienmitglieder sind jetzt nach drei Jahren immer noch dort in dem Camp.

Frage: Hast Du noch etwas von Deiner Schwester oder Deinem Bruder gehört, die in die Berge geflohen sind?

Shalaan: Ich weiß nur, dass die beiden die Flucht durch die Berge überlebt haben. Sie haben dann auch ein anderes Flüchtlingslager in der Nähe von Dohuk erreicht. Allerdings habe ich sie seitdem nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht genau, wo sie jetzt sind.

Frage: Was hast Du im Flüchtlingscamp in Dohuk gemacht, wie ging es weiter?

Shalaan: Ich war mehr als ein Jahr in dem Camp. Dort konnte ich auch eine Schule besuchen. Aber eine Rückkehr nach Sindschar war für uns nicht möglich. Der IS beherrschte die ganze Gegend. Wir wussten auch nicht, wohin wir sonst hätten gehen sollten. Die Zuständige in dem Flüchtlingslager waren nicht gut. Darum entschloss ich mich, nach Europa zu fliehen.

Frage: Wie genau bist Du aus dem Lager nach Europa geflohen?

Shalaan: Es war in dem Lager bekannt, dass man über die Türkei, die ja nördlich von Dohuk liegt, nach Griechenland fliehen konnte. Das wollte ich auch versuchen. Ich habe mich also alleine von Dohuk auf den Weg durch die Türkei gemacht. Mal mit dem Bus, meistens zu Fuß. Nach mehreren Wochen bin ich an der türkischen Westküste angekommen. Ich weiß nicht mehr genau, wie die Region heißt, in der wir gelandet sind. Der schwierigste Teil war, von der Türkei mit einem Boot auf eine der griechischen Inseln zu kommen. Wir mussten mehr als 3000 Dollar pro Kopf bezahlen, damit uns Schleuser in ihren Booten rüberbrachten. Das Geld habe ich vorher von meinen Eltern bekommen.

Frage: Wie ist die Überfahrt dann abgelaufen?

Shalaan: Wir haben viele Versuche gebraucht, bis wir es geschafft haben. Das ist immer gleich abgelaufen: In der Nacht haben wir uns am Strand versteckt und gehofft, dass uns die türkische Polizei nicht findet. An bestimmten Stellen warteten dann die Schleuser mit ihren Booten auf uns. Dann mussten wir darauf hoffen, dass das Wetter eine Überfahrt zuließ. Oft haben uns die Polizisten erwischt. Festgenommen haben sie uns aber nicht, sondern laufen gelassen. Es waren immer sehr viele Menschen am Strand. Eines Morgens hat es dann geklappt. Wir saßen mit vielen Leuten in einem kleinen Boot mit Motor. Es waren viele Familien dabei, auch kleine Kinder. Alle hatten sehr viel Angst. Nach einer Stunde auf dem Meer sind wir dann mit unserem Boot an einer griechischen Insel gestrandet. Dort bin ich dann zu einem Auffanglager von UNICEF gegangen.

Frage: Wie ging es dann in Griechenland weiter, wie bist Du nach Deutschland gekommen?

Shalaan: Nach einigen Tagen bin ich mit einer großen Fähre und vielen anderen hundert Flüchtlingen nach Athen gebracht worden. Dort musste ich dann in einem weiteren Lager warten. Allerdings konnte ich von dort dann mit einem Zug nach Mazedonien fahren. Zu Fuß bin ich dann von dort weitergegangen durch Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich. Manchmal konnte ich unterwegs auch mit dem Zug fahren. Die Reise war sehr anstrengend. Am 1. Januar 2016 bin ich schließlich am Hauptbahnhof in München angekommen. Da hat man mich dann in einen Bus gesetzt, der erst nach Hannover und dann nach Lingen gefahren ist. Am Ende bin ich dann in Surwold bei der Johannesburg gelandet. Ich bin sehr froh und dankbar darüber.

Frage: Wieso bist Du ausgerechnet nach Deutschland geflohen?

Shalaan: In Deutschland gibt es Asyl. Deutschland hilft den Menschen. Darum wollte ich hierher. Ich möchte nur in einem Land leben, in dem ich sicher bin und eine Zukunft habe. In den vergangenen Monaten konnte ich dank der Hilfe hier meinen Hauptschulabschluss machen und kann eine Ausbildung zum Restaurantfachmann machen. Ich hoffe, dass ich damit irgendwann auch meiner Familie helfen kann, die zum großen Teil immer noch in verschiedenen Lagern im Nordirak lebt. Meinem Vater kann ich leider nicht mehr helfen, er ist im November 2015 gestorben. Er hätte sich bestimmt gefreut, wenn er mitbekommen hätte, dass ich nun in Deutschland lebe und einen Beruf erlerne.