Gott sei Dank – es ist Festivalzeit!
Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Foto: Sebastian Lindschulte

Gott sei Dank – es ist Festivalzeit!

4. Juni 2015 0 Von slindschulte

…und ich habe keine Zeit

Sebastian Lindschulte. Wenn erwachsene Männer und Frauen wie kleine Kinder auf den Postboten warten, dann kann das nur eines heißen. Wenn der Umsatz beim Verkauf von Campingstühlen, Zelten und generell Outdoorzubehör extrem in die Höhe schießt, dann kann das nur eines heißen. Wenn Dosenravioli und eingeschweißte Grillwürstchen gefragt sind wie nie, dann kann das nur eines heißen. Wenn im kleinen Supermarkt im benachbarten holländischen Denekamp das Dosenbier gleich palettenweise über die Ladentheke geht, dann kann das nur eines heißen: Es ist Juni. Es ist Festivalzeit.

Für viele Anhänger von ordentlicher Musik und wenig Schlaf ist die Festivalzeit so etwas wie die fünfte Jahreszeit. Vergesst Karneval – Festivals sind der Hit!

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Foto: Sebastian Lindschulte

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Foto: Sebastian Lindschulte

Ein Festival hat für jeden Besucher ein anderes Gesicht: Man trifft alte Freunde wieder, die man wirklich nur zu dieser Gelegenheit sieht. Eine ganze Woche (oder auch nur ein Wochenende) campen, grillen, trinken – klingt auch nicht schlecht. Wieder andere Festivalisten sind wirklich nur für die Musik da. Soll es auch geben. Und dann gibt es da diese Gruppe von ganz harten und ganz eingefleischten Festivalwikingern, für die bedeutet die Festivalsaison folgendes: „Oh, wieder ein Jahr rum – ich darf mich mal wieder waschen. Aber erst nach Rock am Ring.“

Ladies and Gentlemen, Mädchen und Buben, Freunde und Verwandte, Katzenfreunde und diejenigen, die es werden wollen: Das sind meine Freunde. Na toll.

Unser Haufen fährt in wechselnder Konstellation seit zehn Jahren zum Ring – dieses Jahr erstmalig am ehemaligen Bundeswehr-Flugplatz in Mendig. Ich habe es noch nie erlebt, dass meine Freunde etwas so akribisch planen können. Aber das man muss ihnen lassen: Festivals und Feiern – das kann die Truppe einfach. Schon Wochen vorher werden Einkaufs- und Packlisten geschrieben, Fahrpläne erstellt und der beste Campingplatz wird observiert. Dann wird gemeinsam die Anreise durchgesprochen. Zwischendurch trifft man sich auf drei bis sechzehn Bier und bespricht die Lage. Wo wird noch etwas gebraucht? Haben wir genug Gaskartuschen, ist der Pavillon groß genug und wo sind eigentlich die verdammten Heringe vom letzten Jahr? Die wollte doch irgendjemand einpacken. Na gut. Kaufen wir halt neue. Wie jedes Jahr. Bis ins letzte Detail wird geplant, gefeilt und optimiert.

Kann mal machen: Nageln mit einem brennenden Baumstamm. Foto: Sebastian Lindschulte

Kann mal machen: Nageln mit einem brennenden Baumstamm. Foto: Sebastian Lindschulte

Nach Wochen der Vorbereitung ist es endlich soweit: Anfang Juni zieht eine Karawane vollgepackter Kleinwagen aus der beschaulichen und ruhigen Grafschaft Bentheim in die bis dato genau so ruhige Eifel. Zwischendurch werden in halbwegs regelmäßigen Abständen die Raststätten entlang der Autobahn besucht. Kurzer Zwischenstopp, Pausenbier für die Beifahrer und schon zieht der Treck weiter. In den Augen der Fahrer sieht man vereinzelt kleine Tränen schimmern. Aber egal: Es ist Festivalzeit!

Traditionell wird die erste Nacht in eisiger Kälte auf einem Parkplatz vor dem Festivalgelände verbracht. Bier hält warm, die Fahrer weisen inzwischen deutliche Entzugserscheinungen auf. Aber egal: Es ist Festivalzeit!

Am nächsten Tag öffnen endlich die Campingplätze – der Sturm geht los. In Windeseile entsteht eine riesige Zeltstadt, über 80.000 Festivalisten wohnen hier für die kommende Woche. In der Ausstattung sind die einzelnen Camps extrem unterschiedlich. Von einem einfachen Zelt bis hin zu kleinen Pavillonbasaren mit Kicker, Kühlschrank und Musikanlage. Hier gibt es wirklich jeden Mist.

Gemeinsam wird der Pavillon, unsere eigene Versammlungshalle aufgestellt. Jannik stellt schon den Nagelstamm auf, während Sascha das Planschbecken aufpustet. Stefan steht daneben wie ein Zweijähriger, der auf den Weihnachtsmann wartet und die anderen holen vom Sammelpunkt gerade Frischwasser. Ich atme tief durch, lehne mich in meinem Campingstuhl zurück und lasse die Dose zischen. In zwei Tagen wird man hier vor lauter Müll keinen Fuß mehr ziehen können. Es ist Festivalzeit.

In diesem Sinne,

Sebastian