Filmkritik: “Doctor Strange”
"Doctor Strange", USA 2016, 115 Min.

Filmkritik: “Doctor Strange”

28. Oktober 2016 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Benedict Cumberbatch lernt zaubern – und rettet die Welt

Von Sascha Vennemann. Dr. Stephen Strange ist ein erfolgreicher Neurochirurg, der dank seines fotografischen Gedächtnisses nicht nur eine Kapazität auf seinem Gebiet ist, sondern auch ein sehr arroganter Mann. Im OP lassen ihn die Kollegen während der Eingriffe durch eingespielte Songs deren Titel, Interpreten und Erscheinungsjahr raten und wenn es hart auf hart kommt, dann kann er auch mal ohne technische Unterstützung ein Projektil aus dem Kopf eines lebensgefährlich verletzten Patienten entfernen. Sein eitles Gehabe bringt ihm dabei nicht viele Freunde ein. Einzig die Ärztin Christine Palmer, mit der er beinahe liiert wäre, hält noch zu ihm.

"Doctor Strange", USA 2016, 115 Min.

“Doctor Strange”, USA 2016, 115 Min.

Doch dann, der Schicksalsschlag: Nach einem üblen Autounfall, den er aus Unachtsamkeit hat, weil er während des Fahrens auf seinem Pad ein chirurgisches Problem lösen will, sind seine Hände so gut wie unbrauchbar. Stranges wichtigstes Kapital – seine absolut zuverlässigen und ruhigen Hände, sind zerstört. Sie zittern unkontrolliert durch zahlreiche Nervenschädigungen. Daran geht der Chirurg fast zugrunde und verstößt durch harte Worte selbst seine letzte Freundin.

Auf der Suche nach Heilung erfährt Strange, dass es in Kathmandu in Nepal einen Ort geben soll, an dem ihm geholfen werden kann. Dort trifft er auf die “Älteste” (Tilda Swinton), eine Frau, die seit Jahrhunderten auf der Erde wandelt und über einen reichen Wissensschatz an magischen Formeln verfügt. Sie zeigt Strange, wie er seinen Astralkörper von seinem physischen Leib trennen kann, dass es noch andere Dimensionen gibt und wie man deren Energie in Magie umwandelt.

Mit wachsenden Fähigkeiten auf dem Gebiet der Magie kehrt auch Stranges Arroganz zurück und er will mehr lernen, als man ihm schon zutraut. In den Magiebüchern, die er eigentlich noch nicht lesen soll, findet er die Erklärung für die Zurückhaltung der Ältesten: Einst hat ein Schüler namens Kaecilius (Mads Mikkelsen) sich gegen die Magier gewandt, um sich dem mächtigen Wesen Dormammu in einer düsteren Dimension anzuschließen. Diese Dimension, in der es keine Zeit gibt, will sich die Erde einverleiben, und noch ehe Strange weiß, wie ihm geschieht, steckt er mitten im Krieg der Magier…

Marvels neueste Comic-Verfilmung mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle stülpt dem bereits bestehenden Marvel-Universum einen gewaltigen magischen Überbau über. Während die “Avengers” eher für die physische Auseinandersetzung stehen, widmet sich “Doctor Strange” fast gänzlich der Meta-Physik, auch wenn hier zwischendurch die Fäuste sowie Feuerbälle fliegen und magische Peitschen knallen. Cumberbatch legt seine Figur Stephen Strange nur eine Spur kontrollierter als seine kongeniale Verkörperung des Meisterdetektivs “Sherlock” Holmes in der aktuellen BBC-Serie an: Ebenso arrogant, aber nicht ganz so neurotisch. Der Hauptdarsteller ist also gänzlich in seinem Element, Strange wird so etwas wie der Tony Stark (“Iron Man”) unter den Zauberern.

In den weiteren Rollen überzeugen Tilda Swinton (Oscar für “Michael Clayton”) als kahlköpfige Älteste, die ein dunkles Geheimnis hütet und Chiwetel Ejiofor (“12 Years a Slave”) als Sidekick Meister Mordo. Rachel McAdams’ Figur ist genau wie der von Mads Mikkelsen (“James Bond – Casino Royale”) verkörperte Bösewicht Kaecilius nur mangelhaft ausgearbeitet. Sie wird zum praktsichen Love-Interest, an dem Strange seine Eitelkeit abarbeiten kann, er zum Gegner, der seinen Egoismus dadurch tarnt, eigentlich der Welt durch die zeitlose Konservierung in der dunklen Dimension etwas Gutes zu tun. Schade, da wäre mehr Potenzial gewesen.

Dass die knapp zwei Stunden lange Origin-Story des Doktors nicht langweilig wird, liegt zum einen an dem gelungenen und auf die Figuren zugeschnittenen Humor (der allerdings nicht wie noch bei “Antman” allzu sehr im Vordergrund steht) und zum anderen an der wahnsinnig gut gelungenen optischen Umsetzung der verschiedenen Dimensionen und der magischen Kämpfe, die in ihnen stattfinden. In der 3D-Fassung ist der Tiefeneffekt bei sich auffaltenden Häuserschluchten (“Inception” lässt grüßen!) und tiefen Abstürzen durch die Realitäten besonders gut gelungen und trotz der gewaltigen Ausmaße der Magie wirkt die Action nie zu – Achtung, unfreiwilliger Wortwitz – überdimensioniert. Auch wenn die Handlung auf recht ausgetretenen Pfaden wandelt, kommt sie trotz ihrer inhaltlich lediglich ausreichenden Tiefe noch einmal davon. Wegen der zahlreichen Spezialeffekte hatte Regisseur Scott Derrickson, der zuvor durch handfeste Horrorfilme wie “Erlöse uns von dem Bösen” und “Sinister” überzeugte, sicher auch keinen ganz so einfach Job, den er aber gut erledigt hat.

Jedenfalls kann man es am Ende kaum erwarten, Doctor Strange zusammen mit den “Avengers” auftreten zu sehen – Einen kleinen Vorgeschmack bekommt man in einer der beiden Bonus-Szenen, die während und nach dem Abspann zu sehen sind. Also, wie immer bei Marvel-Filmen gilt: Sitzenbleiben bis zum Schluss!

Fazit: 7,5 von 10 Punkten für den Marvel-Magier

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung beim Cine-World Kino Lingen.