Es ist Winter – und alle so: Yeah
© danfador / pixabay.com / cc0 1.0

Es ist Winter – und alle so: Yeah

7. Januar 2016 0 Von slindschulte

Mit den Schlittschuhen zur Arbeit

Sebastian Lindschulte. Hat in den letzten Tagen einmal jemand aus dem Fenster geschaut? War irgendwer draußen? Draußen ist es scheiße kalt. Und es ist weiß. Wir haben doch tatsächlich Schnee in der Grafschaft Bentheim. Ich fasse es nicht. Das muss ich unbedingt all meinen Freunden erzählen! Ich zücke mein Handy, starte Facebook. Waaaaaait. Alles voll. Anscheinend haben auch andere Menschen auf der Welt den Schnee bemerkt. Überraschung.

© danfador / pixabay.com / cc0 1.0

© danfador / pixabay.com / cc0 1.0

So langsam muss ich los zur Arbeit. Die Pflicht ruft. Dicke Schuhe, warme Jacke – Mütze auch? Mütze auch. Besser ist das. Ich verlasse das Haus und sitze auf meinem Hintern. Was da denn los? Scheiße, ist das glatt. Schiebe ich die Fietze wohl besser erst. Irgendwann muss ja mal eine weniger glatte Straße kommen. Noch bin ich allerdings auf der Einfahrt…

Die Straße sieht eigentlich ganz in Ordnung aus. Aber warum spiegelt die denn so? Während ich noch überlege, welche Knochen ich mir brechen könnte, läuft der Nachbarsjunge vorbei. Auf Schlittschuhen. Achim von nebenan spannt gerade die Schlittenhunde vor. Na gut, denke ich mir. Ich habe meine Kufen ja auch noch im Schrank. Laufe ich halt so zur Arbeit. Hoffentlich ist die Strecke unterwegs nicht gestreut. Sonst stehe ich ziemlich doof da. Vor mir kreuzt eine Entenfamilie schnatternd die Straße. Die kleinen Küken watscheln vor sich hin und verschwinden in der nächsten Hecke. Weiß der Geier, wo die jetzt herkommen.

Nach zwei Tagen mit Schnee und eisiger Kälte scheint die Zivilisation in Nordhorn und Umgebung zusammengebrochen zu sein. So direkt nach den Feiertagen hat wohl niemand mehr mit einem möglichen Wintereinbruch gerechnet. Ist ja immerhin schon Januar. Es bleibt keine Zeit mehr für eilige Hamsterkäufe: Plündern und brandschatzen ist die einzige Option, denn an der Kasse anstehen dauert viel zu lange. Immerhin müssen jetzt die Vorratskammern für wenigstens drei Tage aufgefüllt werden – tagsüber kann man das Haus nicht mehr verlassen und sonst verhungert man. Idioten.

Ist echt glatt draußen. Inzwischen lassen auch mehr Leute ihre Autos stehen und tasten sich zu Fuß weiter. Wahrscheinlich sicherer. Kurz vor der nächsten Kreuzung sitzen zwei Kerle, sie haben einen Gullideckel aus der Straße gehoben und halten Angeln in den Händen. Eisangeln mal anders. Einer von ihnen streichelt einen Pinguin. Ich mag Pinguine. Die sind immer so gut angezogen. Außerdem watscheln sie so witzig. Hinter mir hupt jemand panisch – ich drehe mich um und hechte gerade noch rechtzeitig zur Seite. Ein Streu- und Räumfahrzeug der Stadt hat die Kontrolle verloren und kann nicht mehr bremsen. Fahrer und Beifahrer sind mindestens so überrascht wie ich. Wir schauen uns mit großen Augen an, ich salutiere und sie nicken mir zu. Dann rammen sie in ein geparktes Auto. Ich höre ein gedämpftes „Scheiße. Nicht schon wieder“. Der Pinguin flucht laut.

Mehr und mehr Leute trauen sich auf Schlittschuhen auf die Straßen, man scheint sich schnell an die neue Situation zu gewöhnen. Wir sind halt anpassungsfähig. Trotzdem: Verrückte Welt. Als ich noch Kind war, da sind die Seen und Kanäle zugefroren und die Straßen waren voller Schlamm. Heute ist das anders. Früher war der Winter schöner. Glaube ich.

In diesem Sinne,

Sebastian