+++ Erfahrungsbericht: Ein Tag ohne Strom in Lingen +++
Während die Bauarbeiter nach der defekten Leitung suchen, wird der Feuerkorb im Garten zum Herd. (Fotos: privat)

+++ Erfahrungsbericht: Ein Tag ohne Strom in Lingen +++

14. Juni 2018 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Defekte Hauptleitung – Wie Jan Jaskulski und seine Nachbarn die Krise meisterten

Von Jan Jaskulski. Der Wecker meines Handys klingelt. Noch etwas verschlafen stelle ich ihn aus und bemerke, dass der Akku nur noch 35 Prozent anzeigt. Komisch, das Handy war doch die ganze Nacht am Ladegerät. Schon bleibt mein Blick an den 23 WhatsApp-Nachrichten hängen und ich drücke auf das grüne Icon. Des Rätsels Lösung offenbart sich mir schon in der ersten Nachricht: „Habt ihr auch keinen Strom?“, fragt da einer in unserer Nachbarschaftsgruppe. Die folgenden Nachrichten scheinen alle in dieser Frage ihren Ursprung zu haben. Gut, dass das Handy noch funktioniert und der digitale Buschfunk so schnell Informationen weiterleitet, denke ich mir. Jetzt sehe ich auch, dass mein Akku gar nicht lädt und es scheinbar auch uns getroffen hat. Wie man das halt so macht, mache ich mich zuerst auf den Weg zum Sicherungskasten. Ich merke, dass ich noch nicht so lang wach bin und komme mir auch etwas dumm vor, als ich auf der Kellertreppe versuche das Licht anzuschalten. Geht nämlich nicht bei Stromausfall.

Wo war nochmal die Taschenlampe? Langsam komme ich in die Gänge und durchstöbere bei meiner Suche alle Schubladen im Haus. Der Hund schläft noch und die Katze beobachtet relativ gelangweilt mein Tun. Ein heiseres Miauen verkündet die Frühstückszeit, und nach einem kurzen Strecken zeigt sie mir wie jeden Morgen nochmal den genauen Weg zum Kühlschrank – und von da aus zu ihrem Futternapf. Also die beiden scheinen keinen Stress zu haben. Endlich finde ich die gesuchte Taschenlampe und begebe mich in den Keller, um die Sicherungen zu checken. Einerseits erleichtert, andererseits enttäuscht muss ich feststellen, dass zwar alle Sicherungen drin sind, jedoch das Haus immer noch ohne Strom ist. Mittlerweile stehe ich in der Küche und überlege, was jetzt als nächstes zu tun wäre, da summt mein Telefon erneut. „Hab gerade bei den Stadtwerken angerufen, da kommt gleich jemand vorbei!“, schreibt ein anderer Nachbar. Super, Problem gelöst!, sage ich zu mir. Dann jetzt erstmal einen schönen heißen Kaf… Ah, Mist…

Mit einem Glas Leitungswasser in der Hand lese ich mir den Rest der Nachrichten durch. Es scheint nur die halbe Straße getroffen zu haben, denn von einer Familie etwas weiter vorne kommt die frohe Kunde, dass sie noch Strom hätten und wir alle gerne auf einen Kaffee vorbei kommen können. Noch während ich die Mitteilungen lese sehe ich draußen einen Wagen der Stadtwerke vorfahren. Der Mitarbeiter steigt aus und verschwindet bepackt mit Messgeräten im Haus nebenan. Nun ist auch meine Frau aufgewacht und hört sich die kurze Zusammenfassung der Lage an. Durch das Fenster können wir beobachten, wie der Mitarbeiter der Stadtwerke das Nachbarhaus verlässt, in seinen Wagen steigt und wegfährt. Was ist denn nun los?, denken wir uns, und wie schon so oft an diesem Morgen bekommen wir online direkt eine Antwort. „Ist wohl irgendwas mit der Hauptleitung die zur Straße führt… Wird wohl länger dauern.“ Och nö!, steht in unser beider Gesichter geschrieben, und wir ziehen uns an, um zur Quelle des nachbarlichen Kaffeeglücks zu pilgern.

Die Nachbarn, die noch Strom haben, helfen mit Heißgetränken aus.
(Foto: privat)

Dort treffen wir schon eine größere Versammlung an, die dem Ruf des Heißgetränkes gefolgt ist. Wir tauschen uns aus, lachen und spielen mit den Kindern. Wie das Fehlen von Strom doch die Menschen zusammenführen kann, geht es mir durch den Kopf. Anscheinend ist der Mitarbeiter der Stadtwerke nur so schnell verschwunden, um bald darauf mit Verstärkung anzurücken. Um den Fehler zu lokalisieren stehen bald mehrere Messwagen und ein Bagger in der Straße, die sich bereit machen die Hauptleitungen freizulegen. Auch unsere kleine lustige Kaffee-Runde löst sich auf, und wir gehen wieder zu uns, um zu frühstücken.

Zu Hause angekommen bemerkt meine Frau das Glitzern in meinen Augen. „Warum grinst du so?“, fragt sie, und ich antworte: „Kannst schon mal Brote machen? Ich mache ein Feuerchen im Garten. Frühstück wie vor zweihundert Jahren.“ Sie lacht und sagt: „Mach du mal, aber komm nicht auf die Idee einen der guten Töpfe zum Wasser kochen zu benutzen.“

Bewaffnet mit Äpfeln und Marshmallows begebe ich mich in den Garten, um auch etwas zu unserem Frühstück beizutragen. Ich gebe zu, dass gebratene Äpfel und Marshmallows sonst nicht auf unserem Frühstücksplan stehen, doch gepaart mit dem Gefühl, sich selbst in einer „Notsituation“ noch versorgen zu können, schmecken sie köstlich. Man muss sich nur mal vorstellen, so ein Stromausfall fände im tiefsten Winter statt. Da wäre man froh darüber an einem Wärme und Licht spendenden Feuer sitzen zu können. Zur Mittagszeit macht sich meine Frau auf den Weg zur Arbeit, und ich packe meine Sachen und begebe mich auf den Weg zu meiner Schwägerin, um zumindest mein Handy aufzuladen. Da die meisten Nachbarn noch draußen versammelt sind und mit den Kindern zusammen die Bauarbeiten beobachten, kann ich direkt fragen, ob einer von ihnen die Handwerker bei uns hereinlassen würde wenn nötig. „Kein Problem“, heißt es, und ich schwinge mich auf mein Fahrrad, um in der stromversorgten Zivilisation vorbeizuschauen.

Im Wegfahren denke ich noch wie schön es ist, wenn eine Gemeinschaft sowohl online als auch offline funktioniert. Als ich zurückkomme stehen immer noch zwei Nachbarinnen auf der Straße. Von ihnen erfahre ich, dass das Stromproblem zwar behoben sei, jedoch eine zweite mögliche Schwachstelle entdeckt wurde, die bald zu einem erneuten Stromausfall führen könnte. „Dann machen wir ein Feuerchen bei uns im Garten und alle sind zum Grillen eingeladen. Wird bestimmt lustig!“, sage ich und denke erschrocken daran, dass ja bald die Fußball-WM beginnt. Ein Stromausfall während eines Elfmeterschießens könnte schon enorme Auswirkungen auf die Laune haben. „Dieselgenerator“, ist das letzte Wort, das ich abends beim Einschlafen vor mich hin murmele.