+++ Das große EVN-Interview: G20-Gipfel in Hamburg – Polizeibeamtin Marina Mersch von der Polizei Lingen war dabei +++
Marina Mersch von der Polizei Lingen war beim G20-Gipfel in Hamburg dabei - Im Interview schildert sie ihre Erlebnisse. (Foto: Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim)

+++ Das große EVN-Interview: G20-Gipfel in Hamburg – Polizeibeamtin Marina Mersch von der Polizei Lingen war dabei +++

2. August 2017 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

22-Stunden-Schichten, Kontrollen und unglaublicher Lärm – Im Telefoninterview schildert die Beamtin, wie sie und ihre Kollegen den Einsatz erlebt haben

Von Sascha Vennemann. Marina Mersch (29) arbeitet als Polizeibeamtin in der Tatortgruppe in Lingen. Sie war als eine von etwa 30 Polizeibeamten aus der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim während des G20-Gipfels in Hamburg im Einsatz. Im Telefongespräch mit den EMS-VECHTE-NEWS schildert sie ihre Eindrücke von der Situation vor Ort, beschreibt, welche Stimmung unter den Kollegen herrschte und was sie von den massiven Ausschreitungen im Schanzenviertel mitbekommen hat.

EVN:
Frau Mersch, wo sind Sie normalerweise in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim eingesetzt?

MM:
Ich bin seit Kurzem in der Tatortgruppe der Polizei in Lingen tätig. Die Tatortgruppe kümmert sich vor allem um Einbrüche, Brandsachen, Sexualdelikte und Leichenfunde. Zuvor war ich im Streifendienst tätig. Nebenbei bin ich Mitglied in der 62. Einsatzhundertschaft, die angefordert wird, wenn Großveranstaltungen wie kürzlich der G20-Gipfel in Hamburg anstehen. Dort bin ich auch die Halbzugführerin des 1. Halbzuges und war in Hamburg für 14 Kollegen, die mit mir im Einsatz waren, verantwortlich.

EVN:
Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie beim G20-Gipfel eingesetzt werden?

MM:
Ein Verantwortlicher hat uns davon in Kenntnis gesetzt, dass unsere Hundertschaft in Hamburg eingesetzt wird. Da der Einsatz lange im Voraus geplant wurde, wurden wir bereits ca. zwei Monate zuvor informiert.

EVN:
Sind Sie denn dann verpflichtet, an solchen Einsätzen auch teilzunehmen?

MM:
Wenn man nicht gerade in dieser Zeit im Urlaub ist, also normal im Dienst wäre oder frei hätte, ist man in der Regel dazu verpflichtet, an diesen Einsätzen teilzunehmen, ja.

EVN:
Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie hörten, dass es zum G20-Gipfel nach Hamburg geht?

MM:
Mein erster Gedanke war: Das könnte brenzlig werden! Das könnte eskalieren. Dass es in Hamburg eine große linke Szene gibt, ist ja bekannt. Aber wie bei den meisten Kollegen herrschte eigentlich eher die Vorfreude vor, denn solche spannenden Einsätze hat man ja auch nicht alle Tage.

EVN:
War dies Ihr erster größerer Einsatz oder waren Sie schon bei anderen Großveranstaltungen vor Ort?

MM:
Wir werden als Hundertschaft auch regelmäßig zum Beispiel bei den CASTOR-Transporten in Gorleben eingesetzt, wir wussten also ungefähr was bei so einem mehrtägigen Einsatz auf uns zukommt.

EVN:
Was war denn strukturell bei diesem Einsatz anders als zum Beispiel in Gorleben?

MM:
Zunächst einmal war die gesamte Stadt in verschiedene Einsatzbereiche unterteilt. Wir waren im Einsatzabschnitt der Messehallen eingesetzt. Wir waren dort verantwortlich für die Kontrollstellen an den Sicherheitszonen. Dieser Ort befand sich nicht direkt im Schanzenviertel, aber in unmittelbarer Nähe. So haben wir einigermaßen viel mitbekommen von dem, was dort passiert ist. Zum einen über unseren internen Funk, zum anderen aber auch als Privatpersonen über die Sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Die sehr angespannte Atmosphäre war etwas, dass diesen Einsatz deutlich von anderen unterschieden hat.

EVN:
Was waren Ihre konkreten Aufgaben vor Ort an den Kontrollpunkten?

MM:
Es gab einen größeren Kontrollpunkt an der Schröderstiftstraße, an dem wir einsetzt wurden. Da ging es in erster Linie darum, die Straße freizuhalten, denn das war eine von den wenigen Einfahrts- und Ausfahrtsstraßen für die Deligierten und Staatschefs. Wir mussten jedes Auto und jede Person kontrollieren, die dort hinein oder heraus wollten. Sprengstoffspürhunde waren im Einsatz, wir haben mit Spiegeln die Autounterseiten abgesucht und mussten feststellen, ob diese Person mit diesem Auto überhaupt in diesen Bereich einfahren darf.

EVN:
Hatten Sie auch Kontakt zu Anwohnern dort?

MM:
Ja, und das war ein sehr positiver Kontakt. Gerade nach dem Freitag, an dem die Lage ja sehr eskaliert war. Am Samstag Nachmittag sind viele Anwohner vorbei gekommen und haben uns etwas zu trinken angeboten, haben Äpfel verteilt und sogar einen Kuchen für uns gebacken. So viel Zuwendung hat uns dann doch überrascht.

EVN:
Wie lang waren Sie vor Ort, bzw. wie lange dauerte Ihr Einsatz? Wo waren Sie untergebracht?

MM:
Wir sind am Mittwoch gegen 13 Uhr im Emsland losgefahren und waren am Sonntag gegen 16 Uhr wieder zurück – mit wenig Schlaf und vielen Stunden auf den Beinen in voller Körperschutzausstattung. Wir waren in einem Hotel in Neumünster untergebracht und mussten dann morgens und abends jeweils noch eine Stunde An- und Abfahrt in Kauf nehmen. Das war etwas unglücklich, aber die Stadt war einfach voll, da ging es nicht anders.

EVN:
Wurden Sie vorab von Ihren Einsatzleitern darüber informiert, dass es zu Krawallen kommen könnte?

MM:
Ja, das war uns schon bewusst. Auf das Ausmaß, wie es sich dann darstellte, war, glaube ich, aber so niemand vorbereitet. Diese Gewalteskalation, die es dort am Freitag gab – das hätte so wohl niemand gedacht, dass es so kommt.

EVN:
Haben Sie von den Ausschreitungen direkt oder indirekt etwas mitbekommen? Wenn ja, was haben Sie beobachten können?

MM:
Wie gesagt, lag unser Einsatzort in direkter Nähe zum Schanzenviertel. Wir haben einige Demonstranten bei uns gesehen, diese versuchten unter anderem, die Straße zu blockieren. Allerdings befanden sich an unseren Standort auch zwei Wasserwerfer, so dass die Lage schnell wieder bereinigt werden konnte. Die größten Krawalle haben wir aber vor allem hören können. Die Geräuschkulisse aus dem Schanzenviertel war schon beeindruckend – auf bedrohliche Weise.

EVN:
Wie war dann die Stimmung unter den Kollegen? Herrschte Unsicherheit darüber, wie der Einsatz weiter verlaufen könnte?

MM:
Als klar wurde, dass die Lage nicht mehr unter Kontrolle ist, war die Stimmung schon äußerst angespannt. Wir haben alle mitbekommen, was passiert war und was noch passieren könnte, haben gehört, dass Kollegen verletzt wurden. Zu dem Zeitpunkt waren wir alle auch schon mehrere Stunden im Einsatz. In so einer Lage hatte sich unser Zug auch noch nicht befunden.

EVN:
Fühlten Sie sich sicher? Welche Ausrüstung hatten Sie im Einsatz dabei? Mussten Sie etwas davon einsetzen?

MM:
Wir haben durchgängig unsere Körperschutzausstattung getragen, die unter anderem aus verlängerten Schienbeinschonern und einem Oberkörperschutz besteht. Das wiegt natürlich auch einiges, das merkt man dann abends schon in den Beinen, vor allem wenn man 22 Stunden am Stück im Einsatz gewesen ist. Aber so eine Kleidung gibt einem natürlich auch Sicherheit. Genauso die beiden Wasserwerfer, die bei uns stationiert waren. Wenn über Funk die Meldung kam, dass sich Teile des Trosses in unsere Richtung bewegen, haben wir also sehr sicher in Stellung gehen können und so wurde an unserer Einsatzstelle auch glücklicherweise niemand verletzt. Dadurch, dass die Wasserwerfer eingesetzt werden konnten, mussten wir auch nicht direkt an die Demonstranten heran, sondern konnten die Straße weiter sichern.

EVN:
Wurden Sie eigentlich speziell auf Ihren Einsatz vorbereitet?

MM:
Nein, speziell vorbereitet wurden wir nicht. Unsere Hundertschaft setzt sich allerdings aus Kollegen, die im Streifendienst tätig sind, zusammen. Dabei ist man beinahe täglich mit ähnlichen Situationen konfrontiert. Nur sind es dann Betrunkene in der Innenstadt und keine gewaltbereiten Demonstranten, mit denen man da zu tun hat. Darüber hinaus sind Polizisten im Streifendienst für solche Situationen besonders geschult und haben auch regelmäßig Training, sodass jeder Beamte für sich gut auf so einen Einsatz vorbereitet ist. Mit der Hundertschaft haben wir ein, zweimal im Jahr Fortbildungen und Schulungen, bei denen wir spezielle Dinge wie Festnahmetechniken etc. trainieren.

EVN:
Der G20-Gipfel ist nun vorbei, und Sie hatten im Anschluss sicher auch Gelegenheit, sich darüber zu informieren, wie die Medien über dieses Thema berichtet haben. Wie schätzen Sie die Berichterstattung unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Erfahrungen vor Ort ein?

MM:
Es wurde im Nachgang zum Gipfel natürlich viel über die Krawalle berichtet, oft mit der Fragestellung, wer daran denn die Schuld trage. Recht interessant finde ich, dass im Endeffekt niemand wirklich über den G20-Gipfel gesprochen hat, nämlich, welche Inhalte dort verhandelt wurden und welche Beschlüsse gefasst worden sind. Das hat uns Beamten noch einmal gezeigt, dass es in Hamburg gar nicht um das Treffen der Staatschefs ging, sondern darum, möglichst viel Aufsehen durch pure Gewalt zu erzielen.

EVN:
Wie schätzen Sie den Polizei-Einsatz im Nachhinein ein? Gibt es etwas, das man anders oder besser hätte machen können?

MM:
Das ist für mich schwer zu sagen. Wir haben ja nur einen ganz kleinen Teil des gesamten Einsatzes gesehen, waren jeden Tag an derselben Stelle eingesetzt. Bei uns ist es gut gelaufen, wie es an anderen Stellen aussah, das kann ich nicht einschätzen.

EVN:
Was wird Ihnen von dem Einsatz im Gedächtnis bleiben? Gab es ein besonderes Erlebnis?

MM:
Es gab ja diesen Spruch: „Ganz Hamburg hasst die Polizei“, aber unsere Erlebnisse mit den Einwohnern haben uns ganz deutlich gezeigt, dass das nicht so ist. Die Leute sind im Gegenteil eher froh, wenn die Chaoten die Stadt wieder verlassen. Besonders positiv wird mir die Motivation aller Beamten an meinem Einsatzort in Erinnerung bleiben. Auch nach einem langen Tag mit wenig Schlaf, nach über 20 Stunden im Dienst in voller Montur, haben sich die Beamten den Helm aufgesetzt und sich auf ihren Posten begeben, ohne sich zu beklagen. So viel Zusammenhalt ist schon toll, alle ziehen an einem Strang und man kann sich auf seine Kollegen absolut verlassen.