Buchtipp: “Bataclan – Wie ich überlebte” – Ein Comic als Traumabewältigung
Fred Dewilde schildert in "Bataclan - Wie ich überlebte" den Terroranschlag auf den Pariser Musikclub im November 2015. (Quelle: Panini Verlag)

Buchtipp: “Bataclan – Wie ich überlebte” – Ein Comic als Traumabewältigung

30. September 2017 0 Von Redaktion Ems-Vechte-News

Grafiker Fred Dewilde überlebte 2015 den Terroranschlag auf den Pariser Musikclub

Von Sascha Vennemann. Die Welt ist voller individueller Tragödien, an denen Persönlichkeiten zerbrechen. Geliebte Menschen sterben, Beziehungen gehen zu Ende, Krankheiten, Not und Elend – es gibt viele Dinge, die einen traumatisieren können. Und doch sind es die schrecklichsten Ereignisse, die sich im kollektiven Bewusstsein verankern und dabei seltsam abstrakt bleiben, da wir sie oft nicht mit Menschen verbinden können, die wir persönlich kennen. Das gilt für uns Europäer insbesondere für die Terroranschläge der letzten Jahre, die sich in unserer Nähe ereignet haben. Einer von ihnen war der terroristische Amoklauf mehrerer Täter im Pariser Musikclub “Bataclan” am Abend des 13. November 2015, bei dem 89 Besucher eines Konzertes starben und mehrere Hundert zum Teil schwer verletzt wurden.

Der 1966 geborene Grafiker Fred Dewilde war an diesem Abend dort und wollte mit ein paar Freunden das Konzert der “Eagles of Death Metal” erleben. Zuhause warteten Frau und Kinder auf seine Rückkehr, es sollte ein fröhlicher und ausgelassener Abend werden. Doch es kam alles anders. Die Terroristen schossen mitten in die Menge, verursachten Panik und töteten im weiteren Verlauf gezielt noch weitere Personen. Dewilde hatte sich zu Boden geworfen, neben ihm eine verletzte junge Frau und eine Leiche, in dessen Blut er lag. Aber er überlebte, blieb ruhig, trotz aller Angst und Panik. Was er erlebte, wie er überlebte und wie es ihm in der Zeit danach erging, verarbeitet er in einem Comicband, der als Teil seiner Traumatherapie zu verstehen ist.

Auf insgesamt 22 Comic-Seiten schildert er die Geschehnisse das Abends in sehr grafischen, zum Teil rudimentären Zeichnungen, die aber immer durch eine gewisse Perspektive und zunächst nebensächliche Details bestechen. Urplötzlich – wie auch für die Besucher des Clubs – bricht das Grauen herein. Die Terroristen – gezeichnet als Skelette in Anlehnung an die Apokalyptischen Reiter, wie Dewilde im Anhang erklärt – feuern haltlos in die Konzertbesucher. Gedankenfetzen, geflüsterte Worte mit der Frau, die verletzt neben ihm liegt, und vor allem die Gedanken an seine Familie, die ihn zwingen, zu überleben und ruhig zu bleiben, werden dramatisch, weil persönlich und in fast quälender Nähe zum Geschehen, geschildert.

Den Weg zurück in die Wirklichkeit, der nach diesem Abend folgte, erläutert Dewilde in den 28 folgenden Seiten, in denen er noch einmal in Textform beschreibt, wie die Zeichnungen entstanden sind, wie er versucht, die Angst zu überwinden und wie er schließlich wieder zurück in die Welt findet, nachdem er sich lange eingeigelt hatte. Beides, Text und Comic, ist für ihn therapeutisch wirksam, was natürlich an seinem Beruf liegt. Als Grafiker verarbeitet er das Erlebte – das Trauma – zeichnerisch.

Grafisch ist “Bataclan – Wie ich überlebte” sicherlich kein Meisterwerk. Ein paar perspektivische Einfälle sind zwar äußerst gelungen, aber die Geschichte steht im Vordergrund. Die Intensität der Bilder – teils nur blitzlichtartig, auf Symbolisches reduziert – geht allerdings unter die Haut und macht den Band zu einem wichtigen Zeitzeugenbericht, der zwar alles andere als neutral ist, jedoch ein beklemmendes Gefühl dafür vermittelt, was es bedeutet haben muss, in Todesangst im Blut eines Fremden auf dem Boden zu liegen, während um einen herum die Kugeln fliegen. „Mitten im Blut eines Toten habe ich gelegen. Mitten unter den zerfetzten Körpern war ich geschützt. Mitten unter den zerstörten Leben habe ich gedacht, dass ich mitten im Entsetzen und im Wahnsinn noch einmal die Chance bekommen habe, euch zu lieben“, wird Fred Dewilde auf dem Umschlag des Buches zitiert. Und so kann das Einzelschicksal, stellvertretend für viele andere Terroropfer, die Ähnliches erlebt haben, das Unbegreifliche ein wenig greifbarer machen.

“Bataclan – Wie ich überlebte” ist als überformatiger Hardcoverband zum Preis von 16,99 Euro beim Panini Verlag erschienen und im Buchhandel sowie bei den gängigen Online-Händlern (z.B. bei Amazon) erhältlich.