13 Jahre in 13 Minuten – unfassbar
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13 Jahre in 13 Minuten – unfassbar

7. Juli 2016 0 Von slindschulte

Wie Deutschland am Ende Fußballgeschichte schrieb

Sebastian Lindschulte. Gemeinsam mit 3.000 anderen Personen stehe und sitze ich seit einer gefühlten Ewigkeit im großen Zelt. Mit der einen Hand klammere ich mich an der Bank fest, die andere hebt ruhelos das Bierglas hoch und stellt es genauso ruhelos wieder ab. Mein Blick ist wie gebannt auf die große Leinwand an der Stirnseite des Zeltes gerichtet. Um mich herum geht es meinen Mitmenschen nicht anders. Und vermutlich sieht es in ganz Deutschland ähnlich aus. Es geht um 13 lumpige Minuten. 13 lumpige Minuten, die mir wie ganze 13 Jahre vorkommen. Deutschland zittert sich ins Halbfinale.

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Fix die Europameisterschaft.

Italien, der alte Angstgegner. Noch nie konnten wir die Südeuropäer in einem Turnierspiel schlagen, jetzt stoßen wir im Viertelfinale aufeinander. Ob das was wird? Ich weiß es nicht. Ich bin kein Fußballexperte. Ich bin ein Gelegenheitsgucker. Heute sehe ich eine deutsche Mannschaft, die nach einem etwas holprigen Start ins Turnier endlich ihre Form gefunden hat. Die Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw ist heiß. Sie haben Bock. Erst den Weltmeistertitel, dann ein wenig Eier schaukeln und jetzt noch fix die Europameisterschaft. Wieso nicht?

Und dann kommt ausgerechnet Italien.

Alle um mich herum machen sich Sorgen. Sie reden von knapp vergeigten Chancen, zitieren alte Berichte über längst vergangene Spiele in lange gewesenen Zeiten. Schon rein Statistiken belegen, dass wir faktisch gar nicht gewinnen können. Ausgerechnet Italien. Und doch versuchen wir es. Dort, auf dem Rasen in Bordeaux kämpft die Nationalmannschaft wie bekloppt. Italien sieht ganz schön blass aus. Mesut Özil macht in der 65. Minute die erste Bude, die Italiener sind verwirrt und sehen planlos aus. Bis Leonardo Bonucci in der 78. Minute durch einen fragwürdigen Handelfmeter den Ausgleich schafft. Irgendwie rettet man sich in die Verlängerung.

Auch hier passiert nichts.

Es geschieht nichts. Die deutsche Elf läuft sich die Füße wund, zimmert die Bälle nach vorn und dennoch gelingt kein Abschluss. Vor den Fernsehgeräten, auf den Fanmeilen und den Public Viewings starren die Zuschauer gebannt auf die Bildschirme. Es geht ins Elfmeterschießen. Na super. Noch mehr Nervenkitzel, noch mehr Druck. Mein Herz pocht so doll, es wundert mich, dass das niemand hört – aber wahrscheinlich geht es hier allen Anwesenden genauso wie mir.

Wie aus 13 Minuten ganze 13 Jahre werden.

Wir starten ins Elfmeterschießen. Toni Kroos versenkt als erster Schütze für Deutschland. Zwischen den Pfosten stehen Manuel Neuer und Gianluigi Buffon, die Anspannung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Verantwortung lastet schwer. Nicht weniger angespannt sind wir im Zelt. Neben mir altert ein elf Jahre alter Junge innerhalb kürzester Zeit zum Mann heran. Mit Bartwuchs und Haarausfall. Wirklich, ich hab’s gesehen! Die Zeit dehnt sich, nach jedem Jubel folgt ein gequältes Aufstöhnen der Massen. Aus einer Minute werden zwei, daraus vier, daraus acht – und plötzlich tritt Jonas Hector an. Er atmet kurz durch, nimmt fünf Schritte Anlauf. Und der Ball fliegt unter Buffons Ellbogen hindurch. 13 Jahre sind vorbei. Es ist überstanden. Ich halte das nicht mehr aus.

Das Zelt explodiert.

In diesem Sinne,

Sebastian