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Interview: „So behandelt man doch nicht mal Tiere“ – Flüchtling Amadou (18) aus Surwold berichtet von seiner Reise

18-Jähriger floh vor Todesdrohungen aus dem westafrikanischen Gambia

Surwold. Der 18-jährige Amadou ist 2014 aus dem westafrikanischen Gambia nach Deutschland geflohen. Seit August befindet sich Amadou in einer Wohngruppe der Johannesburg in Surwold und besucht das Sprach- und Integrationsprojekt für jugendliche Flüchtlinge (Sprint) an der BBS in Papenburg. Das Sprint-Projekt ist ein landesweites Projekt, in dem die Teilnehmer die deutsche Sprache lernen, die regionalen Kultur- und Lebenswelten kennenlernen und schließlich für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden sollen.

Frage: Woher stammst Du und wie war Dein Leben vor der Flucht?

Amadou: Ich hatte ein sehr glückliches Leben in Banjul in Gambia. Dort bin ich auch zur Schule gegangen und hatte auch gute Noten. Ich lebte bei meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Brüdern, mein Vater ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Gambia ist aber ein sehr armes Land, die meisten Menschen können nur wenig oder gar nicht lesen und schreiben.“

Frage: Wieso bist Du aus Gambia geflohen?

Amadou: Der Grund für meine Flucht ist, dass ich mit dem Tod bedroht werde. Ich habe leider einen tragischen Unfall verursacht, bei dem ein Mann gestorben ist. Daraufhin wurde ich von der Polizei verhaftet und drei Monate eingesperrt. In der Zeit durfte ich weder einen Anwalt noch meine Familie sehen. Weil ich in der Haft Malaria bekommen habe, wurde ich erst in ein Krankenhaus gebracht und durfte später nach Hause. Ich musste mich dann wöchentlich bei der Polizei melden. Eines Tages haben mich Mitglieder der Familie des toten Mannes zusammengeschlagen und gedroht, dass sie mich beim nächsten Mal töten würden. Außerdem wusste ich, dass ich in Banjul kein faires Verfahren zu erwarten hatte.

Frage: Du hast also Deine Mutter und Deine Geschwister zurückgelassen?

Amadou: Ich wollte das nicht. Meine Mutter hat mich angefleht, zu fliehen. Sie hatte Angst um mein Leben. Ich wäre lieber dort geblieben, aber die Gefahr war zu groß. Ich hatte selbst auch große Angst. So habe ich mich in den Morgenstunden von meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Brüdern verabschiedet und bin los. Wir haben sehr viel geweint.

Frage: Wie verlief Deine Flucht dann?

Amadou: Es ist das schlimmste, was ich je erlebt habe. So stelle ich mir die Hölle vor. Ich bin zuerst von Gambia in den Senegal geflohen. Von dort ging es dann nach Mali, durch Burkina Faso und Niger, bis ich schließlich in Lybien gelandet bin. Sehr schlimm war die Behandlung durch die Polizisten. Ich bin viel mit Bussen gereist, die an den Grenzen kontrolliert wurden. Wenn man die Polizisten nicht bestechen konnte, musste man mitten in der Wüste aussteigen. Ich habe dann gebettelt, dass man mich wieder einsteigen ließ. Das war entwürdigend.

Noch schlimmer waren die Schleuser-Transport mit kleinen Jeeps durch steinige Hügellandschaften entlang der Grenze. Wir wurden mit mehr als 20 Leuten auf die Ladefläche eines kleinen Geländewagens gepfercht. Wir mussten selbst sehen, wie wir uns daran festhalten. Während der Fahrt hat sich ein Mann vor mir durch die Erschütterungen das Genick gebrochen. Sie haben ihn einfach von der Ladefläche genommen und in den Wüstensand geworfen. So behandelt man doch nicht einmal Tiere. Nach mehreren Wochen bin ich auf diese Weise in Tripolis in Lybien angekommen.

Frage: Wie ging es dort weiter?

Amadou: Die Zeit in Tripolis war noch schrecklicher als die Reise dorthin. Gleich nachdem wir dort angekommen sind, wurden wir von einer der vielen Straßengangs überfallen. Sie haben uns einfach auf der Straße mit ihren Waffen bedroht und mitgenommen. Zwei Wochen lang war ich in einer kleinen Wohnung mit vielen anderen Menschen eingesperrt. Wir wurden erst wieder freigelassen, wenn jemand ein Lösegeld bezahlt hat. Sie haben uns geschlagen und wir hatten kaum Essen und Trinken. Ich war verzweifelt. Ich hatte niemanden, der ein Lösegeld für mich bezahlen konnte. Nach zwei Wochen haben sie mich dann freigelassen, ich weiß bis heute nicht, wieso. Dann habe ich noch rund drei Monate in Tripolis in einer kleinen Wohnung und auf der Straße gelebt, bis ich mit einem kleinen Boot mitfahren konnte. Das war ein kleines Schlauchboot, vielleicht fünf oder sechs Meter lang. Wir waren bestimmt 70 Menschen auf diesem Boot.

Frage: Wieso bist du trotz des Risikos in das Boot gestiegen?

Amadou: Was hatte ich denn für eine Wahl? In Lybien kann man nicht leben. Dort herrscht ja beinahe Krieg. Zurück konnte ich auch nicht. Mir war klar, dass ich entweder auf dem Mittelmeer sterbe, oder es nach Europa schaffe. Das ging den anderen auf dem Boot ja ähnlich. Jeder hat sein Leben für die Überfahrt riskiert. Es war ein windiger Morgen und schon kurz nachdem wir losgefahren sind, ist der Motor kaputtgegangen. Wir sind fast einen ganzen Tag auf dem Meer herumgetrieben, bis wir von der italienischen Küstenwache gerettet wurden. Wir hatten Glück.

Frage: Was ist dann passiert?

Amadou: In Italien bin ich dann erst in ein Auffanglager für Flüchtlinge und später in ein Lager nach Verona gekommen. Dort war ich fast ein Jahr. Ich durfte aber nichts machen, nicht arbeiten, keine Schule besuchen, nicht Italienisch lernen. Ich habe dort eigentlich nur gewartet, ohne zu wissen worauf. Dann habe ich mich entschieden, nach Deutschland zu reisen.

Frage: Warum ausgerechnet Deutschland?

Amadou: Ich hatte Kontakt über Facebook mit anderen Flüchtlingen, von denen einige es in die Nähe von Bremen geschafft hatten. Sie haben mir erzählt, dass man dort Asyl beantragen kann. Dann habe ich mir ein Zugticket von Verona nach Bremen gekauft und bin losgefahren.

Frage: Wie bist Du schließlich in Surwold, bei der Johannesburg gelandet?

Amadou: Als ich in Bremen angekommen bin, haben mich die Verantwortlichen dort nach Aschendorf (zur zentralen Notunterkunft des Landkreises Emsland, Anmerkung) geschickt. Und von dort bin ich dann zur Johannesburg gekommen, dass war im Juni 2016. Ich bin sehr froh, hier zu sein.

Frage: Was erhoffst Du Dir von Deinem Aufenthalt in Surwold? Wie soll es weitergehen?

Amadou: Mein Asylantrag läuft noch. Ich habe keine Ahnung, ob ich in Deutschland bleiben darf. Aber ich würde gerne hier an der Johannesburg bleiben, die Sprache lernen und eine Ausbildung zum Maler machen. Hier liegt meine Zukunft. Meine Vergangenheit liegt in Afrika.

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Redaktion Ems-Vechte-News

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