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Assoziative Ego-Emo-Achterbahnfahrt durch Goethes “Werther” in Nordhorn

Beeindruckendes Solo-Stück mit Phillip Hochmair in der Alten Weberei

Von Sascha Vennemann. Ein bisschen gespannt ist das Publikum am 10. Februar in der Alten Weberei schon – und auch ein bisschen genervt. Goethers “Werther”, jenen Sturm-und-Strang-Vorzeige-Text, als Ein-Mann-Stück auf die Bühne zu bringen, erscheint nicht wenigen vorab ein etwas ehrgeiziges Unterfangen. So kommt es vielleicht auch, dass sich das Publikum in der etwa zur Hälfte gefüllten Alten Weberei nicht aus zahlreichen interessierten Theatergängern zusammensetzt, sondern zum überwiegenden Teil aus älteren Schülern, die klassenweise mit ihren Lehrkräften angereist sind, um den Briefroman, den sie möglicherweise schon aus dem Unterricht kennen, einmal als Schauspiel kennen zu lernen. Wenn man sich umhört, geschah dies nicht immer ganz freiwillig.

Die leicht misstrauische Grundstimmung überspielt Philipp Hochmair in den folgenden 70 Minuten bravourös, lässt sich nur einmal dazu hinreißen, einem Schüler in einer der ersten Reihen ein scherzhaftes “Du bist doof!” zuzurufen, als er diesem, vom Schauspieler als Figur Albert angesprochen, nicht die Erlaubnis entlockt, seinen Revolver leihen zu dürfen. Diese Interaktion mit dem Publikum sucht Hochmair im Stück immer wieder – auch etwas, mit dem die Anwesenden zum Teil nicht gerechnet haben.

Was wie eine Lesung aus dem “Werther”-Text beginnt, schält sich nach einem etwas zähen Anfang immer mehr aus dem starren Kokon des reinen Vortrags. Anfangs sitzt Hochmair, mit Lederklamotte über nacktem Oberkörper und Cowboyhut, rauchend am Tisch und rezitiert aus einem zerfledderten Textbuch. Besonders markante Stellen wiederholt er immer wieder, nähert sich ihnen durch sprachliche Redundanz. Im tagebuchartigen Vorlagenwerk werden dann auch einfach ganze Tage übersprungen, nur das Datum genannt. Kommt die Natur vor, wird ein Blumenstrauß drapiert und per Kamera als Standbild auf eine Leinwand hinter dem Schauspieler projiziert.

Die Texttreue wird hier schon in den ersten Sekunden über Bord geworfen. Assoziativ nähert sich der Schauspieler, der immer mehr zu Werther wird und seinen eigenen Charakter verliert, dem Gelesenen. Kommt die Sprache auf “Homer” und Essen, schaut man in dessen Werken nach Rezeptideen: In einer fingierten Kochsendung wird Salat geschnippelt und mit Bockwurst aus dem Glas garniert. Als Werther dann seine Lotte kennen lernt, die einem anderen versprochen ist und in die er sich trotz allem verliebt, taumelt er mit Lorbeerkranz auf dem Kopf im höchsten Glück herum, drückt auf den Selbstauslöser. Das Standbild wird zu fixierten Erinnerung des schönsten Moments und strahlt lange Zeit auf den Niedergang und den Fieberwahn Werthers herab. Dieser beginnt, als Albert, der Versprochene Lottens, schließlich zu ihr zurückkehrt. Werther versucht seinen Gefühlen – auch räumlich – zu entfliehen. Mehrmals verabschiedet sich Hochmair und geht unter Applaus aus dem Saal, nur um dann noch einmal zurückzukehren. Er kann sich, wie seine Figur, nicht lösen.

Von da an konzentriert sich das Stück auf die Demontage der Figur. Nervöses Geschirrbalancieren als Symbol gesellschaftlicher Ächtung, minutenlanges Wälzen auf dem Boden in schreiender Agonie, die trotz heftiger Übertreibung auf das Publikum überschwappt. Werther-Hochmair bewirft in Verzweiflung und Wut das Publikum mit den Salatschnipseln, poltert sich minutenlang durch einen Ruth-Albert-Scherz. Improvisiert wird die Referenz an die Vechte in der Verballhornung als “klassische F(V)echt-Szene”, er arbeitet sich gestammelt durch deutsch-englische Nordhorn-Varianten. Der Wahnsinn bricht sich Bahn bis zum unvermeidlichen Selbstmord. Auf der Bühne – Scherben, Essenreste, Zigarettenasche und verschüttetes Wasser – Relikte eines zerstörten Lebens, dass den überstarken Gefühlen nicht entkam.

Das Nordhorner Publikum spendete verdienten Applaus, aber das Befremden blieb. Sichtlich irritierte Schüler verlassen die Alte Weberei. Ein älterer Herr sagt im Gehen: “Das war nicht Werther!” Stimmt – und doch wieder nicht. Die Inszenierung von Nicolas Stemann folgt nur rudimentär der Handlung der Vorlage, klaubt die ausufernden Naturbeschreibungen und religiöse Referenzen fast vollständig heraus und reduziert die Mischung aus Monolog und Performace auf lockere Assoziationen und Emotionsgebaren als High-Gefühl. Dieser Egotrip, diese Emo-Achterbahnfahrt, überforderte so manchen Zuschauer und warf die Frage auf, ob man sich dem “Werther” unbedingt so nähern müsste. Muss man nicht – aber kann man. Philipp Hochmairs enormer Schauspielleistung tat dies alles keinen Abbruch. Er hat dafür gesorgt, dass dieser Theaterabend sicher noch lange in den Köpfen des Publikums nachhallt.

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Redaktion Ems-Vechte-News

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